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Freiheit der Forschung und Lehre. Leben wir in einer Witschaftsdiktatur?

22. November 2009

Freiheit der Forschung und Lehre. Leben wir in einer Witschaftsdiktatur?

In diesen Tagen steht das Thema Bildung im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Zum Einen machen die Studenten mit der Besetzung der Universitäten und Demonstrationen auf die Katastrophalen Zustände ihrer Studienbedingungen aufmerksam, zum Anderen beteuern alle politische Parteien, wie wichtig Sie das Thema Bildung für die Zukunft, im Zusammenhang mit  Wirtschafts- und Finanzentwicklung sehen.  Auch Freiheit und Chancengleichheit im Zugang zur Bildung wird erwähnt.  Die Regierung verspricht den Ausbau von Kitaplätzen, Erhöhung der Bafög Bezüge und mehr Geld für die Kinder zur Bildungsförderung. Sehen wir einmal davon ab, dass dabei auch Leistungen in Form von Gutscheinen erwogen werden, weil ja die Eltern mit wenig Geld angeblich unsozialer sind und das Geld eventuell lieber zu Ihrem eigenen Genuss verbrauchen. (dahinter steckt wohl das Menschenbild Arm = asozial und unfähig). Was mir aber besonders auffällt, die Politiker verlieren kein Wort über den Inhalt von Bildung. Sie gehen davon aus, dass die Probleme gelöst werden in dem Kinder möglichst früh gebildet werden und dass Mittel für Verbesserung zur materiellen Ausstattung für Schulen und Universitäten bereitgestellt werden. Dies ist sicher Notwendig, aber die Studenten fordern vor allem mehr Freiheit. Darauf geht niemand (Ausnahmen bestätigen die Regel, so haben zumindest die Grünen und einige Professoren sich mit dieser Forderung der Studenten solidarisiert) ein. Die Freiheit ist ein hochgelobtes Ideal der Forschung und Lehre und auch die Bundesrepublik rühmt sich als freier, demokratischer Staat. Die Realität zeigt aber, dass sich das Prinzip der Freiheit von Lehre, Wissenschaft und Bildung im Laufe der Entwicklung immer mehr zurückgezogen hat und ich würde mal behaupten, dass wir in Forschung, Lehre und Bildung in demokratischer Freiheit, sondern in einer Diktatur der Wirtschaft  leben. So sollen die Kinder schon im Vorschulalter mit Wissensinhalten gefüttert werden, um Ihre Chancen zu erhöhen? Die Inhalte dieser Vorschulbildung, aber auch die Inhalte der Schulbildung und auch Inhalte des Studiums, die immer mehr vom System festgelegt werden, orientieren sich an der gesellschaftlichen „Realität“, sprich an den Wirtschaftserfordernissen. Die Inhaltsbestimmenden Fragen beschränken sich doch hauptsächlich darauf: was braucht die Wirtschaft? Eine Wirtschaft, dessen Glaubenskredo darin besteht: ständiges, unendliches Wachstum durch Vermehrung von Wirtschaftsgütern. Bildung ist dann nichts weiter als fit machen für den Wettbewerb in der freien Marktwirtschaft. Gegen die Bemühungen  darum, dass jeder die Chance erhält, an diesem Wettbewerb teilzunehmen ist nichts auszusetzen,  ist aber nur ein Teil der Freiheit. Wer fragt eigentlich nach den Bedürfnissen einer Kinderseele jenseits der Freien Marktwirtschaft?  Nach der freien Lehre und Wissenschaft? Die Studenten drücken in Ihrem Protest klar aus, dass Ihr Bedürfnis auf Bildung sich gerade nicht auf Inhalte beschränkt, die auf Forderungen eines Wirtschaftsbereiches bestehen. Ist der Mensch nichts anderes, als Diener einer „Freien Marktwirtschaft“ und soll Bildung nichts anderes sein als perfekter Diener dieser Marktwirtschaft sein? Schaut man auf die Lehrpläne der Grund und Realschulen findet man nicht viel kulturelles, künstlerisch Kreatives. Kinder aus sogenannten unteren Bildungsschichten kommen auch in der Schule zunächst kaum  in Berührung mit wirklichen kulturellen und künstlerischen Elementen. Kinder aus den mittleren und höheren eventuell in der Familie. Selbst auf den staatlichen Gymnasien sind Allgemeinbildung und Kultur zurückgetreten zu  Gunsten „nützlichen Wissens“. Nur eine kleine Elite „Kreativer“ kann sich dann „Frei in der Freien Wirtschaft verspekulieren und dafür noch mit Milliarden gefördert werden. Oder im günstigen Fall wirklich mal mit einer innovativen Idee zum Fortschritt beitragen. Es wäre mal interessant zu verfolgen, welche Umstände dazu beigetragen haben, warum derjenige fähig war, diese Kreativität zu einem wirklichen Fortschritt zu entwickeln. Unser staatliches Bildungssystem?

Bei der Ausgestaltung des Schulsystems und der Bildungsinhalte, werden Pädagogen und Psychologen als Fachkräfte nicht mit der Frage nach der gesunden Entwicklung eines Menschen zu Rate gezogen, sondern wie man es schafft einen bestimmten Inhalt in kürzester Zeit zu implementieren. Im Wissenschaftsbetrieb steht auch nicht mehr ein ergebnisoffenes Forschen (Bedingung für eine freie Wissenschaft) im Vordergrund, sondern die Ergebnisorientierte Gutachter Erstellung. Ergebnisse werden dabei vorgegeben durch die Privatwirtschaft.

Fazit: Wir leben nicht in einer Gesellschaft des freien Bürgers, sondern in einer Wirtschaftsdiktatur, in der nur die „Freie Marktwirtschaft“ frei  ist. Die Frage die man sich stellen sollte, ist doch: Wollen wir eine „Freie Wirtschaft“? Oder einen freien Bürger mit freiem Geist und freier Bildung?

Politik sollte in einer Demokratie das Instrument sein, mit dem die Bürger Ihre Gesellschaftsbedingungen  gestallten können, nicht ein Instrument das Gesellschaftsbedingungen an Wirtschaftsidiologien anpasst.

5 Kommentare leave one →
  1. 23. November 2009 00:51

    Um die Frage zu beantworten: Nein, wir leben nicht in einer Wirtschaftsdiktatur im politischen Sinn. Es ist nur so, dass der Mensch wirtschaften muss, um auf einem Niveau oberhalb des Jägers und Sammlers leben zu können. Und an dieses Niveau haben sich fast alle Menschen auf der Welt, die es einmal hatten, recht stark gewöhnt.

    • 23. November 2009 09:17

      Klar muß der Mensch wirtschaften, allerdings bezweifel ich dass er in der Form weiter wirtschaften kann, wie er es zur Zeit tut, wenn er überleben will. Ich bin jedenfalls nicht bereit mich daran zu gewöhnen, dass der äußere Fortschritt mit den gewachsenen Möglichkeiten weiterhin vom primitiven Niveau des Recht des Stärkeren mit immer „mehr haben wollen“ Mentalität gesteuert wird. Wirtschaft sollte den Menschen dienen und nicht der Mensch den Wirtschaftsinteressen.

  2. 23. November 2009 09:00

    Sehr interessanter Artikel, von dieser Seite aus habe ich das noch gar nicht betrachtet, aber die Argumente die du anführst sind mir recht plausibel. Ich mein selbst Geisteswissenschaften sind mittlerweile arg an bestimmte Bedürfnisse der Wirstschaft gekoppelt…

  3. 26. November 2009 10:14

    Wirtschaft sollte den Menschen dienen und nicht der Mensch den Wirtschaftsinteressen.

    Das wird wohl jeder Mensch dem Sinn nach für sich auch so sehen. Jede Wirtschaftsphilosophie strebt auch an, den Menschen ein „richtiges Leben“ zu ermöglichen. Das ist aber natürlich viel zu allgemein, um allein praktische Relevanz zu bekommen, also mehr als eine Überschrift zu geben. Um eine Orientierung für Rechts-, Wirtschafts- und Kulturphilosophie zu geben braucht es dann noch genauerer Vorstellungen, Analysen und Schlussfolgerungen.
    Und bei den Idealen und beim Menschenbild sind die verschiedenen Philosophien und Ideologien teilweise deutlich auseinander.

  4. 9. Februar 2012 08:52

    Sehr interessanter Artikel, ist wirklich mal eine andere Sichtweise, gefällt mir sehr gut!

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